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Deutschland vs UK

Wie „Who Want to be a Millionaire“ vom Hauch frischen Windes profitiert

20. Mai 2018 um 16:39 Uhr – Marcel Pohlig

„Who Wants to be a Millionaire?“ feiert in diesem Jahr den zwanzigsten Geburtstag. Während Günther Jauch in Deutschland auch heute noch fleißig Fragen stellt, verschwand das Original in Großbritannien schon vor einigen Jahren vom Bildschirm. Zum Jubiläum kehrte die Show nun zurück.

Eigentlich begann die erste neue Ausgabe von „Who Wants to be a Millionaire?“ seit vier Jahren mit einer Lüge. Eigentlich habe sich, abseits vom neuen Moderator, nichts geändert, es würden auch weiterhin fünfzehn Fragen gespielt werden. An die finalen Ausgaben mit Chris Tarrant erinnerte aber nichts, und das lag nicht daran, dass nun Jeremy Clarkson durch die Sendung führt. Viel wurde vor der Einstellung nämlich am Konzept geschraubt. Die Musik aufgepeppt. Die Auswahlrunde fiel weg. Die ersten drei Fragen gestrichen. Die Highspeed-Variante mit Zeitlimits eingeführt. Auf Promi-Kandidaten umgestellt (das so konsequent, dass eine Normalo-Variante gegen Ende plötzlich ein Special war). So verließ „Who Wants to be a Millionaire?“ den Bildschirm vor immer kleinerem Publikum. Zum Glück erinnerte bei der Rückkehr auf ITV nur wenig daran.

Denn was Jeremy Clarkson meinte: Die ursprüngliche Version ist wieder da, mitsamt Auswahlrunde (auch wenn nur sechs statt früher zehn Kandidaten im Rund sitzen). Es werden auch wieder fünfzehn Fragen gespielt. Auch als Zuschauer des deutschen „Wer wird Millionär?“ weiß man, wie witzig die Einstiegsfragen als Eisbrecher sein können, sodass es wirklich fatal war, die abzuschaffen. Auch wenn die Briten sich beim Witz noch ein wenig von der RTL-Adaption abschauen können, ist es eine gute Idee, auch unterhalb der ersten Sicherheitsstufe wieder ein bisschen mehr Fallhöhe einzubauen.

Gespielt wurde dann auch nach dem klassischen Format. Etwas, was ich bei der deutschen Version zunehmend vermisse. Es gab eine Zeit, da habe ich „Wer wird Millionär?“ dem britischen Original aus oben erwähnten Gründen vorgezogen. Mittlerweile aber klammert man sich bei RTL an den Specials-Strohhalm, um dem Quiz noch über die Runden zu helfen. Die Specials, vom absurden Winnetou-Special bis hin zu den wiederkehrenden Sonderausgaben, wirken nur noch albern – und weil die Pausen zwischen den einzelnen regulären Ausgaben immer größer wird, geht der Spaß verloren. Denn auch eine Sendung wie „Wer wird Millionär?“ braucht eigentlich Konstanz, die es durch Pausen und Specials nicht gibt. Wie auch in Großbritannien merkt man dadurch aber nur umso deutlicher, dass die Luft eigentlich schon lange raus ist.

Frischer Wind durch neuen Joker

Zur Show gehört definitiv Günther Jauch. Aber tut er das wirklich noch? Das ist ein Punkt, den ich wohl nie angezweifelt hätte – bis ITV bei der Neuauflage nun Chris Tarrant („Der gehört zu WWTBAM!“) ersetzte und mit Jeremy Clarkson einen ziemlichen Gegenentwurf zu Tarrant ans Werk ließ. Clarkson brachte eine ungeahnte Lockerheit in die Sendung, sorgte auch mal für ehrliche Lacher und gab der Sendung trotz der Rückkehr zum Originalkonzept einen ganz neuen Schwung. Als eine Person, die „egal“ wie wohl kaum ein anderer verkörpert, rückte er deutlich näher an die Kandidaten ran. Vorbei die kühle Distanz, die auch ein Günther Jauch an den Tag bringt. Wenn nicht gerade wieder etwas ganz außergewöhnlich spannend ist (nur aus der Sicht von Jauch und RTL). Oder ein Kandidat etwas ganz Banales nicht weiß. Echte Lockerheit ohne Klammern an Moderationskärtchen ist es, was in die heutige Zeit passt. Da kann es auch mal passieren, dass Clarkson sich aus dem Fenster legt und bei der Auflösung ohne Rückversicherung eine vermeintlich korrekte Antwort gibt – dann aber die Musik für eine falsche Antwort läuft und alle realisieren, dass das Spiel vorbei ist (siehe Best-Of-Video unten). Doof für den Kandidaten, unterhaltsam für die Zuschauer.

Ganz Banales nicht zu wissen, kann in der neuen britischen Ausgabe von „Who Wants to be a Millionaire“ aber nicht nur den Kandidaten treffen. Nur zwei Änderungen gab es beim neuen „Who Want to be a Millionaire“ – und eine davon, der neue Joker „Ask The Host“, ist wohl die sinnvollste Änderung seit längerer Zeit. Zusätzlich zu den drei Ursprungsjokern können die Kandidaten bei einer Frage auch auf die Hilfe von Jeremy Clarkson zurückgreifen und hoffen, dass er mehr sagt als „I’ve absolutely no clue“. Der neue Joker ist so ein wunderbares Mittel, weil die Rolle auf dem Stuhl urplötzlich wechselt. Und der Moderator plötzlich etwas, wenn auch nicht Geld, zu verlieren hat. Jeremy Clarkson ist mit seiner Grundhaltung die optimale Besetzung für einen solchen Joker. Bei ihm ist es egal, wenn er offenbaren muss, dass er nicht weiß, welche Form ein Stoppschild hat. Ich bezweifle, dass ein auf Nummer Sicher gehender Moderator wie Jauch einen solchen Modus überhaupt zulassen würde. Denn nicht nur, dass Unwissen offenbart wird – im Falle einer falschen Antwort würde es den Kandidaten ja auch ordentlich nach unten reißen und Geld kosten.

Clarkson Doesn't Know The Answer To Ask The Host | Who Wants To Be A Millionaire?

Dass auch die zweite Sicherheitsstufe nicht mehr automatisch bei 32.000 Pfund (unsere 16.000 Euro) gesetzt wird, sondern vom Kandidaten selbst bestimmt werden kann, ist eine nette Spielerei, mehr aber auch nicht. Dennoch hat die neue britische Version mir vor Augen geführt, dass ein neuer Schwung einem Format guttun kann – und dass ein solcher nicht unbedingt nur in konzeptionellen Änderungen vollzogen werden sollte, sondern auch in personeller Hinsicht ein Aspekt sein kann. Nur: in Deutschland wüsste ich nicht, wer einen solchen Charakter, wie Clarkson ihn verkörpert, an den Tag bringt. Mal ganz abgesehen davon, dass es wohl auch niemals in Erwägung gezogen werden wird, Günther Jauch abzulösen. Man kann sich, man erinnere sich an „Wetten, das..?“, ja gut vorstellen, wie schwer es ein Nachfolger in der Presse hätte. Und so wird „Wer wird Millionär?“ wohl weiterhin von Special zu Special springen und dahin vegetieren.

Eine Entscheidung zu einer Fortsetzung hat ITV in Großbritannien noch nicht getroffen. Man kann es Quiz-Fans aber nur wünschen, dass „Who Wants to be a Millionaire“ in dieser Version regelmäßig ins Fernsehen zurückfinden wird.

Clarkson's Best Moments - Who Wants To Be A Millionaire

1 Kommentar

  1. Die britische Version ist so gelungen. Schade das RTL nur noch Specials macht. Sollten die mal sein lassen und nach der nächsten Sommerpause wieder auf normale Folgen zurückzukehren! Und wenn dann wieder montags und freitags WWM! Dann schauen wieder mehr zu!

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