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Pilot zu neuer Doku

Neue Doku „Der Vertretungslehrer“: Zum Motivationsseminar mit Wladimir Klitschko

9. Januar 2018 um 23:20 Uhr – Marcel Pohlig

VOX ist experimentierfreudig und betätigt sich bereits seit einiger Zeit auch im Bereich der Erziehung – sei es mit Abenddokus oder tagsüber mit „Mein Kind, dein Kind“. Am Dienstagabend probieren die Kölner sich nun auch an einer Schul-Doku und haben für den Piloten Wladimir Klitschko im Gepäck.

„Der Vertretungslehrer“ ist ein Format, wie es derzeit wohl nur bei VOX möglich ist: Vergleichsweise unaufgeregt erzählt begleitet das Format von Norddeich den früheren Boxer Wladimir Klitschko in eine ziemlich klein besetzte Schulklasse. Dort führt Klitschko der Erzählung nach zwei Stunden lang durch seinen ganz eigenen Unterricht, der allerdings eher einem Motivationsseminar gleicht. Schnell sind „Vertretungslehrer“ und Schüler per Du, schnell wird der Klassiker der Vertrauensspielchen (das Zurückfallenlassen) durchgeführt – und schnell öffnen sich die Schüler bei der Beschreibung ihrer Herausforderungen und Probleme. Was man anderen Formaten schnell vorwerfen kann, ist hier noch nicht einmal schlimm. Schließlich sind Klassenräume tatsächlich so facettenreich – es wäre im Gegenteil fatal, es nicht abzubilden. Ob nun aber auch kleine Filmchen über die Schüler sein müssen, steht auf einem anderen Blatt. Klitschko macht dabei aber als Motivator eine gute, wenn auch vielleicht für das TV schon zu ruhige und unaufgeregte Figur.

Das größte Problem von „Der Vertretungslehrer“ ist für mich als künftiger Lehrer dann aber tatsächlich, dass es zumindest bei der Pilotausgabe mit Wladimir Klitschko gar kein wirklicher Vertretungsunterricht war und der Titel damit gar nicht hält, was er verspricht. Alleine in NRW sind aktuell 714 Vertretungsstellen ausgeschrieben, hinzu kommen natürlich all diejenigen, die bereits als Vertretungslehrer arbeiten. Doch wenn sie den Unterricht tatsächlich so leiten würden, die es Wladimir Klitschko als „Der Vertretungslehrer“ in der Doku tut, dann wären sie ihren Job vermutlich schnell wieder los. Natürlich hat Klitschko nicht viel falsch gemacht. Aber klassischer Unterricht erfordert halt doch das nicht immer sexy-e Befolgen von Lehrplänen – und Klitschko liefert eigentlich nur Maßnahmen zum Teambuilding, die es meiner Erfahrung nach insbesondere zu Beginn der weiterführenden Schule gerne gibt, zuhause. Aber das ist vielleicht wirklich ein Aspekt, den man sich als Lehrer zu Herzen nehmen kann: Wieso nicht auch – oder gerade – in der Oberstufe, wenn der Ernst des Lebens näher rückt? Dann könnte sich VOX auch das leicht arrogante „Sie wollen heute nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen“ aus dem Einstieg sparen. Das wird der Arbeit echter Lehrer und Vertretungslehrer nicht gerecht.

Natürlich ist mir bewusst, dass ich das Format mit meiner Vorgeschichte vielleicht deutlich ernster betrachte als ein Ottonormalzuschauer. Deshalb würde ich mir auch eine Fortsetzung wünschen, bei der es offenbar ja dann jeweils mit einem anderen Promi weitergehen dürfte. Diese Team-Building-Motivationssache lag doch sehr nahe. Aber was machen andere aus dem Format, wie viel näher sind sie wirklich an klassischem Unterricht und Schulgeschehen? Da könnte VOX bei Erfolg ein ziemlich facettenreiches Format etablieren, dürfte der Unterricht etwa bei einem Comedian doch deutlich anders aussehen als bei einem Politiker.

Wiedereinschaltwahrscheinlichkeit: 75 Prozent. Dank Abwechslunsgneugierde.

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