© ProSieben/Willi Weber
Kritik zum ProSieben-Neustart

„Get the F*ck out of my House“: „Big Brother“ extrem … harmonisch

4. Januar 2018 um 22:45 Uhr – Marcel Pohlig

„Die 100.000 Euro Show“ ist wieder da! Einen Heißen Draht gibt es diesmal aber lediglich als rote Linie, die sich um ein Haus zieht. Ein Haus, in dem 100 Bewohner um einen Gewinn von 100.000 Euro spielen. „Get the F*ck out of my House“ feierte am Donnerstag auf ProSieben seine Premiere – und erfüllte die Erwartungen leider überhaupt nicht.

Kamerateams und Interviews direkt im Haus. Bewohner, die mit Kisten bewaffnet das Haus stürmen. Am Anfang erinnert wirklich vieles an die Reality-Show „Get the F*ck out of my House“, die bei unseren niederländischen Nachbarn auf RTL5 vom hohen Tempo eines 30-Minuten-Formats profitierte (Erste Folge auf YouTube). Doch dann wandelt sich das Bild schnell. Dass die Räume des Hauses mit Tine-Wittler-Gedächtnisanimationen vorgestellt werden, ist vielleicht eine nette Abwandlung der deutschen Version. Sie zeigt aber auch schon die grundsätzliche Richtung: Alles wird hübsch und bunt, alle sollen sich wohlfühlen – obwohl wir doch, ui ui ui, ach so fies zu den Bewohnern sind!



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„Get the F*ck out of my House“ hat zumindest zum Start ein großes Problem: Alles ist viel zu harmonisch für eine Show, die schon im Titel Krawall und Lärm verspricht. Nichts erinnert an das Format, in dem in der ersten Folge, wie im niederländischen Original geschehen, erst einmal die Vorhänge demontiert und sich en masse angebrüllt wurde. Jetzt mag man einwenden, dass ProSieben für das Verhalten der Kandidaten ja nichts kann. Doch das darf und sollte man anders sehen: War das Haus nicht vielleicht doch etwas zu chic eingerichtet? War der Cast vielleicht einfach nur schlecht zusammengestellt? Und als wäre es nicht genug, schmeichelt sich der „Hausboss“ Norbert, der wohl als einziger Kandidat in Erinnerung bleiben wird – auch, weil ProSieben das Format online im 0815-Modus begleitet und die Kandidaten allen Ernstes statt in einem übersichtlichen Grid in einer hundertteiligen Bildergalerie vorstellt – auch noch mit der Eröffnung eines Damenklos bei den Mitbewohnern ein.

Begünstigt wird das zu hohe Maß an Harmonie auch durch die Rolle der Moderatoren. Sie versuchen zwar ein bisschen zu sticheln, belassen es aber beim sehr mauen Versuch und sind im direkten Kontakt mit den Kandidaten einfach zu lieb. Genauso wie die Musikauswahl bedenklich ist. Natürlich, als typisch deutsche Show kommt „Get the F*ck out of my House“ nicht ohne einen Ritt durch die aktuellen Charts als Hintergrundbeträllerung aus. Es passt aber einfach nicht zum Format, wohlfühlende Gute-Laune-Musik einzusetzen. Dazu passt wiederum, dass der erste und einzige „Skandal“ der ersten Stunde ist, dass die Matratze im „Hausboss“-Zimmer zu weich ist.

Und dann ziehen die ersten Leute aus, ohne dass der Anlass wirklich zu sehen war. Das ist vor allem: Langweilig. Nach 70 Minuten gibt es dann doch endlich das erste Konfliktchen, weil sich die Bewohner nicht einig darüber sind, wer besser Gemüse Karten schnibbeln kann. Das war es auch schon – und weil die Spiele für große Unterhaltung im Haus sorgen, sind auch sie gegenüber dem Anliegen des Sendetitels kontraproduktiv. So bitter und böse es klingt: ProSieben kann da fast schon dankbar dafür sein, dass gleich am Anfang ein Notarzt anrücken musste, wenn die Macher und die Kandidaten schon nicht für Action sorgen. Selbst Essen, das Allheilmittel aller anderen Reality-Shows, taugt ja noch nicht einmal zur wirklichen Konfrontation. Das ist fatal und enttäuschend.

Am Ende ist „Get the F*ck out of my House“ vor allem ein Opfer des deutschen Fernsehens, das in den letzten Jahren immer weiter ins Extreme gegangen ist. Ausgerechnet dann ein Format auf den Markt zu werfen, das Konfrontation brüllt, am Ende aber nur eine milde Version der Model-WG aus „Germany’s Next Topmodel“ ist, wäre aber selbst ohne diese generelle Entwicklung mindestens mutig. Einen kleinen Lichtblick bietet aber auch „Get the F*ck out of my House“: Mit Jana Julie Kilka gibt es endlich mal ein frisches, durchaus sympathisches Gesicht. Das alles wird aber wieder dadurch ruiniert, dass ihre (tatsächliche) Beziehung zu Co-Moderator Thore Schölermann, der anfangs ein bisschen das Dummerchen mimt und dem man auch bei „Get the F*ck out of my House“ wieder wünscht, dass er mal ansatzweise so gut moderieren kann wie er er es schafft gut auszusehen, so massiv hervorgehoben wird. Man wird das Gefühl nicht los, dass sich eigentlich nur alles um die beiden dreht, nicht um den gewinn oder die Personen im Haus. Nur: Sie sind, trotz aller zweifelhaften Versuche, wie Sonja Zietlow und Daniel Hartwich/Dirk Bach zu sein, eben absolut kein Duo, das auch ein Dschungelcamp, das überhaupt ein Format zu seiner Show machen kann.

Wiedereinschaltwahrscheinlichkeit: 20 Prozent.

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