Der Blick zurück – und nach vorn

Fünf Jahre digitales Free-TV – und der schleichende Wechsel zum Pay-TV

2. Januar 2018 um 17:40 Uhr – Marcel Pohlig

Heute ist ein wichtiger Tag für die deutschen Fernsehzuschauer. Fünf Jahre ist es nun nämlich her, dass die Privatsender auch digital ohne Zusatzkosten unverschlüsselt zu empfangen sind. Ein Blick zurück – und in die düstere, kostenpflichtige Zukunft.

Nur langsam schritt die Digitalisierung in Deutschland voran. Erst im nun vergangenen Jahr beendete Unitymedia als erster großer Kabelnetzanbieter die analoge Verbreitung, während in der Terrestrik bereits auf den zweiten digitalen Standard umgestellt wurde und auch der Satellitenempfang, im internationalen Vergleich ebenfalls spät, umgestellt wurde. Vodafone zögerte noch länger, hat nun aber auch langsam damit begonnen, die Ausspeisung des analogen Fernsehens vorzubereiten. Gerade die Kabelverbreitung ist es dabei, die der Digitalisierung immer im Wege stand. Einmal waren es Kabelzuchauer, anders als Satellitengucker, nicht gewohnt, sich einen Receiver hinzustellen. Und dann war die Gleichung im Kabel auch lange Digital = Pay-TV.



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Vor fünf Jahren ist dies zumindest auf dem Papier und allmählich dann auch in den Köpfen der Kunden gefallen, nachdem das Bundeskartellamt verbotene Absprachen zwischen den großen Sendergruppen ProSiebenSat.1 und der Mediengruppe RTL Deutschland feststellte und den Verzicht auf eine Verschlüsselung festlegte. Es war ein wichtiger Tag, ohne den es wohl auch jetzt noch keinen so hohen Digitalisierungsgrad beim Fernsehen geben würde. Oder sich schon früher noch mehr Zuschauer vom Fernsehen zu anderen kostenpflichtigen Plattformen, die mehr Komfort bieten, abgewandt hätten. Womöglich gäbe es auch nicht so viele Spartensender, wobei es hier im Auge des Betrachters liegt, ob eine weitere kosteneffiziente Abspielstation nun gut oder schlecht ist.

Und am Ende kommt die Privatsendergebühr doch?

Nur: Die Gegebenheiten haben sich in den letzten Jahren drastisch verändert. Gerade die jüngeren Zuschauer konsumieren kaum noch lineares Fernsehen. Ich kenne mittlerweile einige Menschen ohne Fernsehgerät – und wenn sie doch eines haben, dann ist er nicht mehr zwingend mit der Antennenbuchse verbunden. Streaming ist das Zauberwort geworden. Daran hat auch das Fernsehen, öffentlich-rechtlich wie privat, seinen Anteil. Wer Abwechslung möchte, ist im linearen Fernsehen schließlich schon lange verloren. Die Fernsehsender scheinen kaum noch Lust zu haben auf ihre Programme, servieren immer nur die gleiche Kost. Das funktioniert, solange nur auf Marktanteile geblickt wird, die auch bei weniger werdenden Zuschauern natürlich hoch ausfallen können. Die Sender haben sich entbehrlich gemacht. Und ihre Zuschauer mit unendlich langen Shows und Serienmarathonprogrammierungen sogar zum Konsum von Netflix und Amazon Video, die aus der Stadt Bingen eine Tätigkeit gemacht haben, erzogen.

Für zehn Jahre haben sich ProSiebenSat.1 und die Mediengruppe RTL Deutschland damals gegenüber dem Bundeskartellamt dazu verpflichtet, unverschlüsselt zu senden – allerdings nur beim SD-Empfang. Bei der HD-Verbreitung setzen beide Sendergruppen, wie nahezu alle privaten Sender, auf eine Vermarktung als kostenpflichtiges Zusatzpaket. Die Grundverschlüsselung, vor fünf Jahren gefallen, kommt am Ende also nur mit Verspätung und wird, nach derzeitigem Stand, wenn die SD-Programme auch über die Zehn-Jahres-Frist frei bleiben sollten, spätestens mit Abschaltung der SD-Signale erreicht werden, wie dies beim zu vernachlässigen DVB-T schon passiert ist. Es wird immer Menschen geben, die auch dafür zahlen werden, die gibt es ja jetzt schon (und bucht man Pay-TV-Sender in HD, bekommt man sie bei Unitymedia zum Beispiel einfach dazu, ob man will oder nicht). Aber bis dahin muss das deutsche Fernsehen sich noch wiederfinden, damit es am Ende auch wirklich viele Zuschauer sind – nicht nur auf kurze Sicht viele enttäuschte, die es bereuen würden, dass sie gezahlt haben, sondern viele überzeugte. Denn sie ebnen damit auch den Weg dafür, dass mehr Menschen hinterfragen, ob sie für diese mauen Inhalte zahlen möchten. Und wenn sie zahlen möchten, ob es dann nicht bessere Alternativen gibt. Und die sind zumindest derzeit auch noch nicht die Mediatheken der Privatsender, die durch die Bezahlschranke abseits des Desktops im Falle von TV NOW (RTL) bei mir auch noch ein ähnliches Legitimationsproblem wie beim Wechsel vom SD- zum HD-Fernsehen haben.

Ich selbst bin erklärter Freund des Fernsehens, habe aber auch langsam die Lust verloren und würde wohl wirklich darüber nachdenken, ob es sich lohnt, auch noch für die Privaten zu zahlen, bei denen hauptsächlich die Angst dominiert. Es kann nicht sein, dass gefühlt nur noch VOX dafür zuständig ist, die Hoffnung aufrecht zu erhalten, während an anderen Stellen unzählige Importe in Dauerrotation laufen und Shows so lange gedehnt werden, dass es gar keinen schlechten Audience-Flow mehr geben kann, weil es einfach gar keinen Platz mehr für eine anschließende Sendung gibt. Gerade deshalb mag ich das britische Fernsehen, weil man sich dort – alles ist in UK sicher auch nicht gut – wenigstens noch kurze, prägnante Sendungen traut, die auf den Punkt sind. Davon sollte das deutsche Fernsehen nicht erst in fünf Jahren, sondern möglichst bald schon mehr im Programm haben, um sich von der attraktiven Fiction-Konkurrenz im Netz abgrenzen zu können.

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