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© Pohlig

Eine EU ohne das Vereinigte Königreich? Gedanken zum Brexit

Die Deadline rückt näher und eigentlich sitze ich daher in diesen Tagen intensiv an der Fertigstellung meiner Thesis. Doch dann war da auch noch das britische EU-Referendum, das im Brexit mündete. Und es beschäftigt mich auch einige Tage nach dem Ergebnis noch sehr. So sehr, dass ich hier einmal ein wenig den Kopf frei bekommen und meine Gedanken lose formulieren möchte.

Wer mich kennt, der weiß um meine Liebe zum Vereinigten Königreich, die sich mittlerweile auch gut durch mein Leben zieht. Die Sprache habe ich zwar erst im Leistungskurs lieben gelernt, doch dann hat es wirklich rasch zwischen Großbritannien und mir gefunkt: Dass ich Anglistik studieren werde, war für mich schnell klar. Vor drei Jahren lebte ich sogar einige Zeit dort und einmal die Woche beschäftige ich mich beim Medienmagazin DWDL.de mit dem britischen Medienwesen. Bereits seit fast fünf Jahren ist dies so, in Kürze wird die 250. Ausgabe veröffentlicht und eine Pause, die gab es bisher nur an Weihnachten. Großbritannien prägt mein Leben und ziert übrigens auch den Header dieses Blogs.

In den vergangenen Monaten habe ich aber langsam Bauchschmerzen bekommen. Das Brexit-Referendum rückte näher und damit auch die Sorge: Was passiert, wenn die Briten wirklich die EU verlassen wollen? Auch wenn der deutsche Eventjournalismus dazu neigt, es als große Überraschung zu verpacken, so unwahrscheinlich war eine Entscheidung für das Verlassen der Europäischen Union schließlich nie. Die Boulevardmedien taten ihr Übriges dazu, die ohnehin schon europaskeptische Stimmung in Teilen der Bevölkerung zu befeuern. Da kam es nicht mehr auf den Wahrheitsgehalt von Äußerungen aus dem Leave-Lager an, jede noch so abstruse Schlagzeile war es plötzlich wert abgedruckt zu werden. Das Leave-Lager hatte die Aufmerksamkeit ganz für sich, vom Remain-Lager kam gefühlt nicht viel. Und David Cameron, der bis vor nicht allzu langer Zeit noch regelmäßig gegen die EU stänkerte, plötzlich als EU-Befürworter? Den hätte ich als Brite auch längst nicht mehr ernst genommen.

Am Donnerstagabend wollte ich eigentlich weiter an der Thesis schreiben. Ich bin abends einfach am produktivsten und lege dann auch gerne mal eine Nachtschicht ein. Die war aber in der Nacht auf Freitag ohnehin vorgesehen, schließlich galt es die Berichterstattung der BBC zu verfolgen, so wie ich das auch bei vergangenen Wahlen und dem schottischen Unabhängigkeitsreferendum bereits tat. Und schnell machte sich bei mir die Befürchtung breit: Das, was ich erwartete aber immer für unmöglich hielt, wird passieren. Nachdem die ersten Ergebnisse deutlich stärker für das Leave-Lager ausfielen, wurde ich unruhig und konnte mich kaum noch auf meinen Text konzentrieren. Das wird keine gute Nacht, der Historiker in mir erlebt gerade, wie Geschichte geschrieben wird. Geschichte der negativen Art.

Natürlich bin ich eingeschlafen, kurz vor Bekanntgabe des Ergebnisses, und habe auch meinen extra für diesen Fall gestellten Wecker nicht wahrgenommen. Als ich wach wurde, griff ich nur gleich zur Fernbedienung und konnte das Ergebnis kaum fassen: Der blaue Leave-Balken bei BBC News ging nicht mehr weg. Das Vereinigte Königreich hat sich tatsächlich für das Verlassen der Europäischen Union entschieden. Und kurz darauf nahm David Cameron dann auch schon seinen Hut. Und tat damit etwas, was er im Vorfeld immer ausschloss. Es ist ein Paradebeispiel dafür, warum es Politiker schwer haben. Denn nicht nur Nigel Farage hat kurz nach dem Sieg der Brexiter bereits das erste Versprechen, die Finanzierung des NHS, gebrochen. Auch David Camerons Aussagen, er würde bleiben und umgehend Artikel 50 auslösen, entpuppten sich schnell als Lüge. Wem soll man überhaupt noch glauben?




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Besonders schockiert bin ich aber auch heute noch vom Ergebnis in Wales, wo ich mehrere Monate gelebt habe. Ich habe es einfach nicht für möglich gehalten, dass dieses kleine, strukturschwache Land, das enorm von der EU profitiert, sich gegen die Gemeinschaft entscheidet. Die EU ist dort nicht nur ein abstraktes Konstrukt, sondern über viele Förderprogramme an vielen Ecken auch tatsächlich deutlich sichtbar. Sichtbarer, als man sich das vielleicht in Deutschland vorstellen kann, die Europaflagge prangt dort auf vielen Schildern diverser Projekte. Ich habe mich ernsthaft noch nirgendwo anders so sehr europäisch gefühlt. Und jetzt fühle ich mich plötzlich unwillkommen, kann es das denn sein?

Absurd finde ich die Forderung nach einem neuen Referendum. Denn ich bin mir sicher, dass es diese Forderung auch gegeben hätte, wenn das Remain-Lager gewonnen hätte. Knapp die Hälfte der Bevölkerung ist eben enttäuscht und das hat auch gute Gründe – wäre umgekehrt aber genauso. Man kann nicht solange und häufig wählen, bis einem das Ergebnis recht ist. Aber schöne Schlagzeilen produziert dies natürlich. Und doch: Selbst die rund drei Millionen Unterzeichner sind eben doch deutlich weniger als sich letztlich für Remain oder Leave ausgesprochen haben. Und wirklich wütend bin ich auf Menschen in meinem Alter. Sich jetzt zu beklagen, dass die Älteren über ihr Schicksal entschieden haben, ist einfach nur dumm. Ich bin kein Freund von solch pauschalen Statements, die Stimmung wurde viel zu viel aufgeheizt und der Keil in der Gesellschaft muss dringend wieder entfernt werden. Aber erst nicht zur Wahl zu gehen und sich hinterher zu beklagen, das ist nie ein intelligenter Weg und wenn über die eigene Zukunft entschieden wird erst recht nicht.

Wirklich beachtlich finde ich Nicola Sturgeon, die Erste Ministerin Schottlands. Nicht erst seit dem EU-Referendum bin ich ein großer Fan dieser Politikerin. Nicht wegen ihrer Politik, damit habe ich mich ehrlich gesagt bislang zu wenig beschäftigt. Allerdings ist sie eine verdammt kluge Frau und kaum eine ihrer Reden oder Äußerungen sind nicht klar durchdacht. Eine Meisterin der Rhetorik, was sie auch am Donnerstag mit ihrer vielbeachteten Rede abermals und vielleicht so gut wie nie unter Beweis stellte. Nachdem nun alle Leave-Befürworter untergetaucht sind, scheint sie die einzige Person zu sein, die sich wirklich auf dieses Ergebnis vorbereitet hat. Ich bin gespannt, wie sich Schottland entwickelt und was die Gespräche mit der EU ergeben. Aber auch hier nerven mich die deutschen Sensations-Eventmedien wieder etwas. Am Samstag war plötzlich per Breaking News überall von einem anstehenden zweiten Unabhängigkeitsreferendum die Rede. Wer die Rede von Sturgeon verfolgt hat, der hat aber selbst mitbekommen, dass sie das gar nicht angekündigt hat. Sie hat leidglich, wie am Donnerstag, erwähnt, dass diese Option auf dem Tisch liegt, sie nun aber erst einmal Gespräche mit der EU führen wird. Ob es überhaupt ein zweites Unabhängigkeitsreferendum geben wird? Vollkommen unklar, dafür muss vor allem der Zeitpunkt stimmen und erst einmal die rechtliche Grundlage geklärt werden. Ich halte es für möglich – aber nur, wenn die EU überhaupt mitspielt und das ist ja noch sehr ungewiss. Und es hängt auch davon ab, wer denn nun in Westminster die Macht übernimmt. Denn für Schottland ist nicht die EU böse, sondern das viel zu entfernte London. Mit einer Regierung aus dem Leave-Lager würde das Verhältnis sicher nicht leichter. Aber ein Little England ohne Schottland? Das wird die große Herausforderung und London wird alles tun, um zumindest das zu vermeiden, schätze ich. Sobald sich dort wieder Verantwortliche gefunden haben. Auch wenn ich die Schotten gerade plötzlich sehr viel sympathischer finde.

Am Wochenende wurde immer wieder auch vermeldet, dass gar nicht klar ist, ob es überhaupt zu einem Brexit kommen wird. Schließlich müsse das Parlament ja erst zustimmen und das ist mehrheitlich gegen einen Brexit. Aber wird man ernsthaft die Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen? Wofür setzt man ein Referendum an, wenn man das Ergebnis dann trotzdem nicht umsetzt und so den Groll der Mehrheit der Bevölkerung auf sich zieht? Noch dazu würde dies das Verhältnis zur EU doch ohnehin nur noch schwieriger machen. Ohnehin wird die EU gerade doch immer mehr zum Spielball des Königreichs. Denn sie selbst ist machtlos und muss nun darauf warten, dass sich irgendjemand in UK findet, der den Artikel 50 auslöst. Vielleicht sollte man auch darüber mal nachdenken, dass es nicht sonderlich schlau ist, das Schicksal der eigenen Gemeinschaft einem Staat zu überlassen, der gar nicht mehr dabei sein möchte. Eine Hinhaltetaktik halte ich für falsch. Großbritannien schadet der EU gerade nur selbst und hat in meinen Augen nach allen Zugeständnissen nicht das moralische Recht dazu. Und irgendwo wäre es doch auch ein Witz, jetzt am Ende, nachdem man eine so schwere Krise auslöste, doch drin zu bleiben. Da bin ich, glaube ich, auch der Ansicht, dass es jetzt ein hartes Vorgehen geben muss.

Ich bin menschlich sehr enttäuscht. Vom Ergebnis im Allgemeinen und dem Votum der Waliser im Speziellen. Ich bin am Freitag trotz aller Müdigkeit in die Uni. Es stand ein Anglistikseminar an und das trieb mich an diesem historischen Tag doch auf den Campus. Selbst meine Dozentin, sonst ungelogen durchwegs in bester Stimmung, war irgendwie betrübt. Es herrschte anfangs, als wir auch kurz über die Nachrichten sprachen, eine sehr bedrückte Stimmung. Nicht nur mich hat die Entscheidung offenbar mitgenommen. Ich hatte überlegt, mich nach der Thesis kurzerhand mit einem kleinen Trip nach UK zu belohnen. Aber ich fühle mich derzeit nicht mehr willkommen. Das wird sich auch wieder ändern, hoffe ich zumindest, aber das ist meine derzeitige Gefühlslage, auch wenn ein Trip gerade natürlich besonders günstig wäre. Ich bin gespannt und besorgt zugleich, wie es – nicht nur in Großbritannien – in den nächsten Monaten weitergehen wird. Ich habe Sorge, dass Geschichtslehrer bald wieder sehr viel zu erzählen haben werden.

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